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ETH Zürich | Institut für Landschaft und Urbane Studien | Professur Günther Vogt

Newsletter #21 September 2022

Professur Günther Vogt


 

Ausblick Herbstsemester 2022

Entwurf Profile der Alpen: 
Landschaft, Landscape, Paysage – Talschaft

Der Alpenraum befindet sich im Zuge der Klimaveränderung in einer beschleunigten Metamorphose. Die einstige Vorstellung der physisch und ideell stabilen Alpen löst sich kontinuierlich auf und wandelt sich zu einem Bild, das die Fragilität des Gebirges auf eindrückliche Weise offenbart. Gleichzeitig gewinnt die Makroregion Alpen, welche die angrenzenden Metropolitanräume miteinschliesst, als Ressourcenraum für die Anrainer:innen zunehmend an Bedeutung. Erneuerbare Energien, Frischwasser, biologische Ressourcen, Schutz vor Naturgefahren,¹ die Aussicht auf Sommerfrische oder die in den nächsten Jahrzehnten durch den Gletscherrückzug entstehenden neuen Landschaften mit potenziell 683 natürlichen Seen² wecken zahlreiche Begehrlichkeiten. Die heute bereits existierenden Interessens- und Nutzungskonflikte dürften sich also im Zuge dieser Entwicklung nicht nur häufen, sondern zukünftig in zugespitzter Form artikulieren.

Indes leisten die verfügbaren Grundlagen einer übergeordneten Planungssichtweise, wie das Raumkonzept Schweiz, das die Alpen in drei Handlungsräume gliedert, oder das städtebauliche Portrait der Schweiz, das die Lesart des Landes als urbanisiertes Territorium vorschlägt, lediglich rudimentäre Beschreibungen des Alpenraums. Sie sind geprägt von der Vorstellung einer heterotopen Raumaufteilung. Was Urbanität nicht zu umgreifen vermag, wird als «Brache» gleichsam in die Wildnis zurückgestossen. Der Nachteil dieses dualen Systems liegt in seiner grossen Unschärfe. Zwischen den urbanen Zentren einerseits und der «Wildnis» andererseits klaffen noch in üppiger Flächenausdehnung die Zwischenräume.³ Daraus resultiert die paradoxe Situation, dass konkrete Vorhaben jeweils am Einzelfall mit einer dichotomen Vorstellung verhandelt werden, ohne die unterschiedlichen Nutz- und Schutzinteressen unter Berücksichtigung grossräumiger Abhängigkeiten differenziert abzuwägen.

Vor diesem Hintergrund plädieren wir für eine übergeordnete Betrachtung auf der Basis sorgfältig orchestrierter Landschaftsprofile. Ein Profil benennt die charakteristischen Eigenarten und Phänomene einer konkreten Landschaft, setzt diese in Beziehung und gewichtet. Auf diese Weise wird, immer im Kontext einer Gesamtkonfiguration betrachtet, eine Art «Substrat» für eine mögliche Entwicklung an die Oberfläche befördert. Der Priorisierung spezifischer Nutzungen (z.B. Tourismus, Erosion, Energieproduktion) ist dabei besondere Beachtung zu schenken, wobei hybride Konstellationen (also z.B. Energieproduktion und Tourismus) in expliziter Form zu untersuchen sind. Das Profil beschreibt also nicht nur was ist, sondern umreisst vor allem auch, was sein kann. Somit ist das Profil gleichermassen als Fluchtpunkt der am Ort gebundenen Energien zu verstehen, bei dem anders als im klassischen Zonenplan Gebrauch, Form und Wahrnehmung des Raums eine unentflechtbare Einheit eingehen.

Im Alpenraum ist «das Andere» nachbarschaftlich omnipräsent, das Nebeneinander geprägt von der Topographie. Unsere Betrachtungen folgen der Erkenntnis, dass die ausgesprochene Kleinräumigkeit, wie sie beispielsweise in Talschaften ihren Ausdruck findet, ein kennzeichnendes Merkmal der Alpen darstellt. Damit sind nicht nur die naturräumlichen Gegebenheiten gemeint, sondern auch die sozioökonomischen Verhältnisse. Hier mischen sich die massgebenden Merkmale wie Sprache, Konfession, Armut oder Wohlstand sowie Land- und Stadtorte. Der Cluster einer solche Mischung wirkt dabei identitätsstiftend für Gemeinschaften. Die beschleunigte Erzeugung von Differenz ist also das erklärte Ziel, denn Differenz wirkt stabilisierend – Vielfalt statt Einheit.⁴

Während im ersten Teil des Semesters unsere Aufmerksamkeit der Artikulation der Profile sowie der Herausbildung einer möglichen Gesamtkonfiguration gilt (wir konzentrieren uns dabei auf den Gebirgsraum zwischen Saint-Maurice und dem Grimselpass), arbeiten wir im zweiten Teil der Auseinandersetzung an konkreten Entwürfen. Dabei geht es um die Weiterentwicklung und die Übersetzung der in den Profilen angelegten Entwicklungsspuren. Die Vorschläge sollen sich dabei in anschaulichen Bildern manifestieren, wobei es um die bewusste und aktive Schaffung neuer Bilder gehen soll und nicht um die Reproduktion tradierter Vorstellungen. Dem entwerferischen Bild kommt dabei eine doppelte Bedeutung zu: Es ist einerseits der Versuch, eine zentrierte Vorstellung möglicher Gebrauchs- und Wahrnehmungsebenen zu einer Synthese zu bündeln. Andererseits ist das Bild aber auch die ikonografische Fassung jener Vision, die eine Gesellschaft zum kollektiven Handeln im Raum verführen soll.

1: Paul Messerli, Vom Alpenbild zur Alpenpolitik von Werner Bätzing, in: Tobias Chilla (Hrsg.), Leben in den Alpen. Verstädterung, Entsiedlung und neue Aufwertungen, Bern, 2014, S. 259-269.

2: Tim Steffen, Matthias Huss, Rebekka Estermann, Elias Hodel, Daniel Farinotti, Volume, evolution, and sedimentation of future glacier lakes in Switzerland over the 21st century, in: Earth Surface Dynamics, 10, 723-741, 2022.

3,4: Markus Ritter, Alpendynamik sehen – beim Spazierengehen, in: Thomas Kissling (Hrsg.), Fest, flüssig, biotisch. Alpine Landschaften im Wandel, Zürich, 2021, S. 18-33.


Entwurf: Profile der Alpen: Landschaft, Landscape, Paysage – Talschaft – Professur Günther Vogt Studio HIL G 64.
Co-teaching: Günther Vogt & Thomas Kissling, Wissenschaftliche Begleitung: Markus Ritter & Rolf Weingartner.
Entwurf V-IX: 052-1143-22L (14 KP), Woche 1-5 Analyse (Gruppenarbeit), Entwurf im Anschluss (Einzelarbeit)
Einführung am 20. September 2022 um 09:00 Uhr im Case Studio Vogt (Stampfenbachstr. 59, 8006 Zürich).
Der Field Trip findet vom 24. September 2022 – 25. September 2022 statt (Abreise: Samstagmorgen ab Zürich HB, Rückreise: Sonntagabend, Zürich HB an ca. 20:00 Uhr). Der Unkostenbeitrag beträgt 150 CHF.

Kontakt: Fabiana FrisulloDavid Jung & Andreas Klein

Gletsch, Rhônegletscher, Belvédère, Furkapass (1925) 
© ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz / Fotograf: Mittelholzer, Walter

Territorium der Stadt Turin

Die Wahlfachreihe «Territorium der Stadt: Landschaft als Ressource» befasst sich mit aktuellen Transformationsprozessen metropolitaner Landschaften in Europa und führt in das landschaftsarchitektonische Entwerfen im territorialen Massstab ein. Auf Basis eines Fieldtrips und kartografischer Analysen mittels GIS erarbeiten die Studierenden konkrete Strategien für die Entwicklung urbaner Landschaftsräume in unterschiedlichen geografischen Kontexten.

Im Herbstsemester 2022 fokussiert der Kurs auf die Metropolitanstadt Turin, deren Territorium sich in drei Landschaftsräumen ablesen lässt: das Hochgebirge des Westalpenbogens, die flache Po-Ebene und die Hügellandschaft der «Colline del Po» im Südosten.

Territorium der Stadt: Landschaft als Ressource – Professur Günther Vogt
Wahlfach (052-0717-22 G – 2 KP) und mögliche Vertiefungsarbeit (063-0751-22 A– 6 KP).
Die Reise nach Turin findet am Wochenende des 07. Oktober 2022 – 09. Oktober 2022 statt.
Der Unkostenbeitrag beträgt max. CHF 250.

Kontakt: Amalia Bonsack

Volks-Atlas der Schweiz in 28 Vogelschaublättern: Karte von Zürich & Umgebung / gezeichnet von G. Maggini. Zürich: Orell Füssli, 1894. Zentralbibliothek Zürich, 3 Kc 06: 6, https://doi.org/10.3931/e-rara-28001 / Public Domain Mark

Seminarreise
Vom Sammlungsraum zum Landschaftsgarten. Episodische Reise durch Weimar – Jena – Erfurt

Die Seminarreise legt in mehreren Schichten die historische (vom Feudalismus zur Aufklärung) und gegenwärtige landschaftsarchitektonische Praxis an bedeutenden, in Thüringen nah beieinander liegenden Orten frei. Dabei werden Bezüge zu unterschiedlichen Sammlungspraktiken, von Goethes naturwissenschaftlicher Sammlung am Frauenplan bis hin zu botanisch / universitären Wissenssammlungen, hier am Beispiel des historischen botanischen Gartens in Jena, geknüpft. Bei unseren Explorationen bedienen wir uns der Methode des Spaziergangs. Begleitet werden wir vom Biologen und passionierten Promenadologen Markus Ritter und kultivieren den engagierten Diskurs über das, was wir in der Landschaft sehen und dabei zu erkennen glauben.

Als Auftakt in die Woche finden an zwei Abenden Einführungen ins Exkursionsgebiet und die Themeninhalte der Seminarreise statt. Dabei legen wir ein Schwergewicht auf die Naturlandschaft des Thüringer Beckens und der umgebenden Mittelgebirge sowie die Kulturlandschaft Thüringens und deren ökonomische, politische und kulturgeschichtliche Bedeutung.

Termine für die Einführungen:
Montag, 10. Oktober 2022, 18:00 – 19:00 Uhr (HIL)
Montag, 17. Oktober 2022, 18:00 – 19:00 Uhr (HIL)


Seminarreise – Professur Günther Vogt
Sonntag 23. Oktober – Sonntag, 30. Oktober 2022, Kostenrahmen: C (CHF 501.- bis 750.- ).
Inklusive An- und Rückreise (Zug), Übernachtungen mit Frühstück, Eintritte, Führungen und zwei Abendessen.
Kontakt: Thomas Kissling

Plakat der Seminarreise HS 22, Bildnachweise: Dr. Dain L. Tasker, 1938, Aquilegia, Röntgenaufnahme;
Fürst von Pückler-Muskau, Andeutungen über Landschaftsgärtnerei, 1833

Rückblick Frühjahrssemester 2022

Symposium Alpine Landschaften im Wandel: Infrastruktur, Kultur und Klima

Vom 12. bis 13. Mai ging unser Symposium Alpine Landschaften im Wandel mit grossem Erfolg über die Bühne. Wir begrüssten rund 20 vortragende Nachwuchswissenschaftler:innen aus Frankreich, Italien, Deutschland, Österreich und der Schweiz zu Workshops und initiierten einen regen Austausch über die aktuellsten Themen und Forschungsansätze rund um die Transformationen und Kontinuitäten der alpinen Landschaft. Markus Ritter und Thomas Kissling präsentierten den über 100 Gästen in ihrer Keynote-Lecture Bilder, Mythen und Realitäten des alpinen Raums. Zwei Roundtable-Gespräche mit renommierten Schweizer und internationalen Expert:innen zu aktuellen Herausforderungen durch Klimawandel und Zukunftsszenarien rundeten die Veranstaltung ab. 
Veranstaltungswebseite mit Broschüre zu Programm, Orten und Zusammenfassungen

Alle Bilder: Workshops Alpensymposium 12./13.5.2022 © Professur Günther Vogt, ETH Zürich

Entwurf Turin – Alpentäler der Città Metropolitana di Torino

Im Frühjahrssemester erarbeiteten die Studierenden des Entwurfskurses der Professur Günther Vogt individuelle Projekte im Kontext der Metropolitanregion Turin.
 
Dabei steht das prozessuale Arbeiten im Fokus. Angefangen mit einer intensiven Analyse mitsamt einer Ortsbegehung Turins, über die Formulierung eines individuellen Programms, bis zur Erarbeitung des eigenen Entwurfs wurde der Prozess aufbauend dokumentiert und festgehalten. Mit dieser Aufzeichnung können alle Denkbewegungen innerhalb eines Entwurfsprozesses, bis zur Präsentation des jeweiligen Projekts, verfolgt und diskutiert werden.
 
Den Semesterabschluss bildeten die Schlusskritiken vom 27. und 28.05.2022. Dafür durften wir die Gäste Maarit Ströbele, Aita Flury und Raimund Rodewald begrüssen und in einen spannenden und vielseitigen Diskurs einsteigen.

Impressionen Entwurf Turin FS 2022 © Professur Günther Vogt, ETH Zürich

Territorium der Stadt Zürich

Im vergangenen Frühjahrssemester befasste sich das Wahlfach «Territorium der Stadt» mit dem metropolitanen Raum Zürich. Unser zweitägiger Fieldtrip basierte auf den drei Agglomerationsachsen nach Zug, Baden und Winterthur, mit Wanderungen sowohl durch den Sihlwald als auch zwischen Dietikon und Spreitenbach. Auf Basis dieser persönlichen Betrachtung und kartografischer Analysen entwickelten die Studierenden konkrete Strategien für diese urbanen Landschaftsräume, die bis Mitte September zu Vertiefungsarbeiten ausgearbeitet werden.

Route Fieldtrip, 5.-6. März 2022. Kartenhintergrund © Swisstopo

Summer School 
Experimental Landscape Furniture

Impressionen Summer School 2022 © Professur Günther Vogt, ETH Zürich
Copyright © 2022 ETH Zürich, Prof. Günther Vogt, All rights reserved.


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