26.05.21

Guten Morgen

Ich habe eine neue Motivationstechnik in Zeiten der Pandemie. Und zwar singe ich in brenzligen Situationen mit grosser Inbrunst diesen urgewaltigen langen Ton in meinen Bildschirm hinein, mit dem Gjon Muharremaj am vergangenen Samstagabend die Schweiz auf Platz drei des Eurovision Song Contests geschallert hat. Es hilft, um mich innerlich aufzumöbeln. 

Kopfhörer auf, der Link zum Song kommt gleich, erstmal Stagedive in die Regionews.

Dort treffen wir zuallererst auf den Baselbieter Volkswirtschaftsdirektor Thomas Weber (SVP), der sich kommende Woche im juristischen Moshpit vor dem Strafgericht Baselland verantworten muss. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm und dem ehemaligen Leiter des Kantonalen Amts für Industrie, Gewerbe und Arbeit (Kiga), Thomas Keller, ungetreue Amtsführung im Zusammenhang mit der Leistungsvereinbarung an die Zentrale Arbeitsmarktkontrolle (ZAK) vor. Weber soll der ZAK in den Jahren 2014 und 2015 «in vorauseilendem Gehorsam» überrissene Leistungs-Vergütungen bewilligt haben, ohne die geforderte Summe auf Recht und Gültigkeit zu prüfen. Insgesamt sollen 200'000 Franken zu viel geflossen sein. Über mögliche Motive für die Grosszügigkeit steht nichts in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft. Für beide Angeklagten gilt die Unschuldsvermutung.

Dass das Mitglied einer Regierung in Amt und Würden vor Gericht landet, passiere praktisch nie, informiert das SRF-Regionaljournal. Weber wollte sich gestern nicht zum Verfahren äussern. Die Baselbieter SVP schreibt in einem Communiqué, sie stehe geschlossen hinter ihrem Regierungsrat und schaue dem Verfahren am Mittwoch kommender Woche «mit Interesse entgegen». Das Urteil des Dreiergerichts fällt am Freitag. 
Die zwei Basler*innen im Bild, das sind Peter Jossi (links) und Jasmin Albash. Jossi ist Präsident der Liberalen Jüdischen Gemeinde Basel, Albash ist Musikerin mit palästinensischen Wurzeln. Zwei Menschen, zwei Leben, zwei Erfahrungsgeschichten, die wie unzählige weitere Schicksale in den jüngst wieder aufgeflammten Konflikt zwischen Israel und Palästina eingeflochten sind. Ich betone die Individualität Albashs und Jossis, weil beide Wert darauf legten, nicht als Sprachrohr oder Repräsentant*innen einer ganzen Bevölkerungsgruppe wahrgenommen zu werden, als sie meine Kollegin Ina Bullwinkel im Foyer des Theaters zum Gespräch trafen. Ein Gespräch zu einer schwierigen, vielschichtigen Frage: Was macht diese alte, neue Auseinandersetzung mit diesen beiden Menschen in Basel?

Es ist schwer, das Thema journalistisch zu erfassen, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, für die eine oder andere Seite Partei zu ergreifen. Die Aggression in den sozialen Medien vibriert, Vorverurteilungen allenthalben – gerade darum habe ich dieses persönliche, tastende, respektvolle Gespräch sehr gerne gelesen. Der Versuch einer Annäherung ohne Anspruch auf allgemeingültige Antworten. 👉 Leseempfehlung.  

Vom Zwie- zum Streitgespräch. Die Basler Zeitung (Abo) eröffnet den Regionalbund heute mit einem rhetorischen Duell zwischen SP-Grossrat Beda Baumgartner und der Basler SVP-Politikerin, Laetitia Block. Thema: Der Mindestlohn von 23 Franken, der Gegenvorschlag von 21 Franken oder gar kein Mindestbeitrag. Darüber wird die Basler Stimmbevölkerung am 13. Juni entscheiden. 

🤛 Baumgartner, zusammengefasst: Es ist arrogant, zu sagen, dass die Arbeit von Menschen in Niedriglohnbranchen keine 4000 Franken pro Monat wert sei. Die Preiserhöhungen mit dem Mindestlohn blieben moderat. Wenn der Risotto im Restaurant 50 Rappen mehr kostet, geht deshalb doch niemand ins Ausland. Jede zehnte Person in Basel kann vom Lohn nicht leben, obwohl sie 100 Prozent arbeitet. Das ist ein Missstand. 

🤜 Block, zusammengefasst: Die Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer funktioniert in Basel bereits gut, es braucht keinen staatlich definierten Mindestlohn. Menschen, die auf Aushilfs- und Studentenjobs angewiesen sind, erhalten diese nicht mehr, wenn der Arbeitgeber für den hohen Mindestlohn ebensogut ausgebildete Fachkräfte anstellen kann. Höhere Löhne würden im Endeffekt auf den Konsumenten überwälzt.

Zu haben ist das Doppelinterview im online-Abo oder am Kiosk.

Gegenwind für das Bettelverbot: Raphaela Cueni, Juristin an der Universität Basel, sieht laut der bz (Abo) im neuen Ratschlag der Basler Justiz- und Sicherheitsdirektorin Stephanie Eymann (LDP) das Grundrecht auf Betteln verletzt. Die JSD-Vorsteherin hatte vergangene Woche einen Vorschlag präsentiert, der das Betteln in weiten Teilen der Innenstadt untersagen will. Faktisch werde damit «das Betteln in der Stadt, wo heute gebettelt wird und Betteln Sinn macht, weitestgehend verboten», sagt Cueni. Das JSD widerspricht. Das Betteln werde dort eingeschränkt, wo der Schutz der Passanten sowie Gewerbetreibenden es erfordert, sagt JSD-Sprecher Martin Schütz zur bz.

Cuenis Votum kann man als Vorgeschmack deuten auf die zu erwartenden juristischen Auseinandersetzungen rund um eine Wiedereinführung des Bettelverbots nach dem Ratschlag der Basler Regierung. Die bz vermutet, die Angelegenheit könnte, «wenn es hart auf hart kommt» und die neue Bestimmung nach einer Debatte im Grossen Rat in Kraft treten sollte, vor dem Bundesgericht landen. 
Die aktuellen Corona-Zahlen:

Basel-Stadt registrierte gestern Montag 4 Neuinfektionen. Baselland meldete 21 neue Fälle. Die Inzidenzzahl (14-Tage-Ansteckungswert pro 100'000 Einwohner*innen) zeigt erfreulicherweise nach unten. Trotzdem gilt es, noch ein wenig durchzuhalten und die Coronamassnahmen weiterhin zu berücksichtigen: wenige Menschen treffen, Abstand halten, Masken tragen, bei Symptomen sofort testen lassen und die Swisscovid-App nutzen

Kurznews:

🏥 Gesundheit: Ab Juni sind in den Baselbieter Spitälern wieder Patient*innenbesuche möglich. Das hat der Baselbieter Regierungsrat entschieden. Auch eine Abschaffung der Maskenpflicht an den Schulen war Thema in der Regierung, doch bis mindestens Anfang Juli hält die Politik an der Massnahme fest. Dasselbe gilt für Basler Schulen, auch hier bleibt die Maskenpflicht bis mindestens Anfang Juli bestehen. Einzelheiten stehen im Bajour-Ticker.

💨 Fluchtversuch. Drei Insassen des Massnahmenzentrums für junge Erwachsene Arxhof in Niederdorf sind am Montagnachmittag kurz nach ihrer Flucht festgenommen worden. Ein Diensthund hatte die Polizei auf die Spur der Flüchtenden gebracht.

🦶 Polit-Bremse. Die Baselbieter SVP ergreift das Referendum gegen einen Entscheid des Landrats von vergangener Woche. Dieser hatte für die nächsten zwei Jahre 1,5 Millionen Franken für ein Integrationsprogramm von Migrant*innen gesprochen. unter anderem sollen mit dem Geld Deutschkurse finanziert werden. Die SVP BL findet, es fehlten klare Richtlinien, mit denen sich der Erfolg der Integrationmassnahmen messen liesse. Das SRF-Regionaljournal berichtet, inklusive Statement des Baselbieter SVP-Fraktionspräsidenten Peter Riebli.

💸 Corona-Kreditbetrug. Das Strafgericht Muttenz verurteilt einen 29-jährigen Mann wegen Betrugs und mehrfacher Urkundenfälschung zu einer bedingten Freiheitsstrafe von acht Monaten. Der Mann hatte sich mit einer Immobilienfirma, die nur auf dem Papier existierte, Corona-Kredite in Höhe von 10'000 Franken erschlichen. Die bz berichtet. Es war der erste von zirka 80 Fällen von Corona-Kreditbetrug, die den Staatsanwaltschaften BL und BS bisher bekannt sind. Am Basler Strafgericht werden bereits kommende Woche zwei weitere Fälle verhandelt.

🎭 Spielplan-Präsentation: Der Basler Theaterdirektor Benedikt von Peter und sein Team haben den Spielplan des Dreispartenhauses für die neue Saison vorgestellt. Die bz war dabei.

🚣 Architektur-Biennale. Bereits am Eröffnungstag bildeten sich an der 17. Architektur-Biennale Schlangen vor dem Schweizer Pavillon. Dieser hält auch für Besucherinnen und Besucher aus Basel Überraschendes bereit, schreibt Daniel Wiener in seinem Biennale-Bericht für Bajour.
 
Das da bin ich ich, Basketball spielend, und wie man unschwer erkennen kann bin ich darin überdurchnittlich schlecht. Aus diesem Grund habe ich meine nichtsversprechende Sportkarriere früh an den Nagel gehängt und bin Journalist geworden. An guten Tagen sage ich, ich sei Reporter, das klingt irgendwie abenteuerlicher und folgerichtig gehen wir in unserem neusten Bajour-Werbevideo als Reporter*innensturmduo Fauli/Gashi auf Memberfang. Du, liebe*r Briefing-Leser*in hast damit allerdings nichts zu tun, weil Member-Fishing aus der Bajour-Redaktion klingt für dich mittlerweile wie die fünfte Verlängerung nach einem zähen 1:0 (für Bajour, immerhin, weil wir durch die penetrante Fragerei viele neue Unterstützer*innen gewonnen haben juhe). 

Nein, ich will mit diesem Gif fast nichts von dir ausser dir erstens eine Freude machen: Schau dir einfach das Video an und wenn du magst, kannst du uns gerne auch mit einem Kommentar in den Sozialen Medien unter #supportreport aufs Korn nehmen 🍿. Zweitens wollte ich dir anbieten, uns deine schönste Idee für eine Reportage zu schicken. Ist dir was aufgefallen, ist wo was neu, wo liegt Bekanntes im Argen? Was macht dich neugierig, worüber würdest du wirklich gerne einmal etwas lesen? Inputs aus dem Basler In- und Umland sind uns sehr willkommen! Du erreichst uns 👉 HIER oder über 👉 diese Seite. Danke! 💛
Und damit zum Unterhaltungstipp: Broad.Cats
Ich habe aus zweierlei Gründen kein schlechtes Gewissen, dir nach fünfzehn Monaten Pandemie immernoch Podcasts zu empfehlen. Grund eins: Dieser miesepetrige Frühling, der nass wie ein trüber Sack angeschwemmter Quallen vor meinem und deinem Fenster vor sich herwabert. Es gibt schlicht nicht viel zu tun, ausser die Lauscher aufzusperren. Grund zwei: Es gibt einfach viele tolle Podcasts. Broad.Cats ist eine Basler Produktion und dreht sich thematisch um Drogen und Abhängigkeiten. Suchtbetroffene oder ehemals Abhängige erzählen, wie das früher war am Platzspitz, wie sie heute durchs Leben gehen und mit welchen Vorurteilen sie zu kämpfen haben. Es sind vier Folgen draussen, aber die haben es in sich und ich empfehle: Hör rein, zum Beispiel hier auf Spotify oder Apple Podcast. 

Einen schönen Mittwoch wünsche ich dir! Denke hin und wieder an 💃 Gijon's Tears high Pitch Monstertune 🕺und vergiss dabei nicht mit den Armen zu schlackern wie der unbesiegbare Star, der du bist. 

Liebe Grüsse, 
Daniel Faulhaber
Zuletzt: Das Nützliche
Ich war und bin überfordert von den News, die aus Palästina und Israel auf uns einprasseln. Umso dankbarer bin ich für Nachrichtengefässe, die mich an die Komplexität dieser Auseinandersetzung heranführen. Die «kanackische Welle» (Achtung Eigenbezeichnung) ist so ein Gefäss. In diesem Podcast sprechen mehrere junge Menschen, Journalist*innen, Aktivist*innen, Autor*innen, über jüdisch-palästinensische Verflechtungen in Deutschland und darüber, warum ihre Identitäten in Deutschland immer wieder gegeneinander aufgerieben werden. Superspannend, weil dasselbe meiner Beobachtung nach auch in der Schweiz passiert. Dieser Podcast erklärt und ordnet ein, nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg, sondern aus der Perspektive derer, die Leid erfahren. Eine wertvolle Hilfe war mir auch der englischsprachige Podcast «The Daily» der New York Times, der den Konflikt historisch und mit Blick auf die US-Israelische Beziehung kontextualisiert. In dieser Folge kommt eine Palästinenserin, die im Gazastreifen ausharrt, zu Wort. 


Basel Briefing - der tägliche Newsletter mit 🤍 von Bajour.

[anmelden]


Du kannst, wenn du magst, dieses Briefing inklusive der Tipps für das Unterhaltsame und Nützliche per 👉Whatsapp oder 👉Mail weiterleiten. 


Bajour Clarastrasse 10 4058 Basel Switzerland