27.05.21

Guten Morgen

Bevor wir uns in die heute Newsflut stürzen – hier ein Symbolbild zur allgemeinen Stimmung. Genau. Irgendwie könnte es besser sein, nicht? Wenn es dir ähnlich geht wie mir, dann hilft vielleicht das, was hinter der grimmigen Katze versteckt ist: 🎶🎵🎶 – Gärngschee!

Weil Clickbaiting blöd ist, löse ich das Rätsel gleich auf: Es handelt sich, um die unangefochtene Hymne auf gute Laune «Don't worry, be happy». Ich dachte, das könntest du heute Morgen gebrauchen. Ich zumindest schon. Und wenn ich die Nachrichten durchlese, dann denke ich, das Land irgendwie auch. Das Rahmenabkommen zwischen der Schweiz und der EU ist nämlich Geschichte. Nach sieben Jahren beendet die Schweiz die Gespräche über ein institutionelles Abkommen mit der EU. Was nun? Die Antwort ist ernüchternd: Wir wissen es nicht. 

Der gestrige Entscheid des Bundesrates kommt zwar nicht gänzlich unerwartet, was aber viele ratlos zurücklässt ist, dass er keinen Plan B vorgestellt hat. Dieser wäre jedoch dringend nötig, Baustellen gibt es nämlich genug: Der Zugang zu Bildungs- und Forschungsprogrammen, zum Binnenmarkt und zum Strommarkt sind nur ein paar Beispiele.

Ausserdem lässt der Bundesrat die Grenzregionen im Regen stehen, die auf gute Beziehungen mit den europäischen Nachbarländern dringend angewiesen sind. Anders gesagt, für die Region Basel ist der gestrige Tag ein schlechter Tag.


Fast alle Reaktionen fallen dementsprechend aus. Diejenige von Regierungsratspräsidenten Beat Jans war sehr deutlich. In seiner ersten Stellungnahme beschrieb er die Lage als «besorgniserregend», im Interview mit Telebasel sprach er von einem «Tiefpunkt der Schweizer Aussenpolitik» und gegenüber dem Regionaljournal von einem «Armutszeugnis».

Mit diesem Urteil ist er nicht alleine. In einer Stellungnahme äussert sich auch die Handelskammer beider Basel zum Abbruch der Verhandlungen. Sie fordert vom Bundesrat, dass er rasch aufzeige, wie die Schweiz den bilateralen Weg ohne Rahmenabkommen weiterführen könne. 

Basler Bundespolitiker*innen machen sich auch Sorgen. GLP-Nationalrätin Katja Christ etwa, die befürchtet, Basel könne als Bildungs- und Forschungsstandort ins Hintertreffen geraten und ihre Entrüstung nicht verbergen will. Sowie auch SP-Ständerätin Eva Herzog und der Baselbieter SP-Nationalrat Eric Nussbaumer, die nun brauchbare Lösungen in der Europapolitik fordern. 

Die SVP hingegen hält die gestrige Entscheidung für folgerichtig. Der Basler SVP-Grossrat Pascal Messerli sagte gegenüber Bajour«Die Differenzen zwischen der Schweiz und der EU waren viel zu gross. Wir hätten zu viele massive Zugeständnisse machen müssen.» Nun müssten die Bilateralen weiterverhandelt werden.

In welcher Form das möglich sein wird, ist jedoch äusserst unklar. Die Reaktion der Europäischen Union ist kühl und ziemlich konsterniert. In einer Stellungnahme heisst es knapp, man nehmen den «unilateralen» Entscheid der Schweiz zur Kenntnis. 

Die Medien reagieren ihrerseits auch kopfschüttelnd. Die BaZ (Abo) definiert den gestrigen Tag als «schwarzer Tag für Basel», das Verdikt der CH-Media-Zeitungen (Abo): «Die Schweiz muss dringend über ihr Souveränitätsverständnis nachdenken.»

Eine Zusammenfassung zum Thema findest du im gestrigen Ticker auf bajour.ch, wir bleiben dran und berichten weiter über Entwicklungen und Hintergründe.
Und nun zum zweiten wichtigen Thema heute. Der Bundesrat lockert die Schutzmassnahmen stärker als geplant. Wir treten in die Stabilisierungsphase ein. Dies sei aufgrund der Fallzahlen und der Fortschritte beim Impfen vertretbar, hiess es gestern an der Medienkonferenz in Bern. Und so sehen die Kurven aus.

Basel-Stadt registrierte gestern 10 Neuinfektionen, Baselland meldete 22 neue Fälle. Die Inzidenzzahl (14-Tage-Ansteckungswert pro 100'000 Einwohner*innen) zeigt nach unten. Trotzdem bleibt wichtig: wenige Menschen treffen, Abstand halten, Masken tragen, bei Symptomen sofort testen lassen und die Swisscovid-App nutzen

Was alles ab dem 31. Mai wieder möglich ist, siehst du auf dieser Grafik. Die wichtigsten Lockerungen betreffen die Gastronomie, wo man ab kommenden Montag die Innenräume öffnen kann. Ausserdem sind bei privaten Treffen wieder bis zu 30 Personen drinnen und 50 Personen draussen zulässig. Im Kultur und Sportbereich wurden die Publikumsgrenzen ebenfalls angehoben. Gelockert wird auch die Homeoffice-Pflicht.  

Eine detaillierte Übersicht findest du bei SRF News.
Ab dem ersten Juni kehrt in verwaisten Büros also wieder Leben ein. Das wird die Büropflanzen freuen, denn vielleicht bekommen sie endlich wieder etwas Zuwendung. Die grosse Rückkehr bedeutet aber auch: Mehr Arbeit für Labors. Denn der Bundesrat fordert von Unternehmen, die sich von der Homeoffice-Pflicht befreien wollen, ihre Angestellten regelmässig zu testen. Welche Herausforderungen das für die Labors mitbringt, hat meine Kollegin Adelina Gashi recherchiert. Die Labors sind am Anschlag, wie Leonie Gysin vom Labor Rothen erzählt: «Es gibt Tage, da sind es schon mal 500 Menschen, die wir testen». Für Gysin sind Sieben-Tage-Wochen fast zur Normalität geworden. Wie sie und ihre Kolleg*innen nun die Situation mit der Lockerung der Homeoffice-Pflicht bewältigen sollen, ist ungewiss: «Ich befürchte, dass die Nachfrage explodieren könnte», erzählt sie. 

Zum Artikel geht es 👉🏻 hier lang.
Die Kurz-News aus der Region:
  • 1,2 Milliarden Franken soll das Klybeck-Areal gekostet haben. Dies schätzen die Initiant*innen von «Basel baut Zukunft» aufgrund der Handänderungsstatistik. Stimmt diese Rechnung, dann kostete der potenziell mit Chemierückständen belastete Boden über 4000 Franken pro Quadratmeter. Gegen die Initiative wurde beim Appellationsgericht Beschwerde erhoben, die Initiant*innen sind jedoch bereit, bis vor Bundesgericht zu ziehen, wie sie gegenüber Bajour sagten. Die Hintergründe liesst du im Ticker
     
  • 1,355 Milliarden Franken für die Universität. Basel-Stadt und Baselland haben sich auf einen neuen Universitätsvertrag geeinigt, wie es in einer gemeinsamen Mitteilung heisst. Neu werden die Beiträge nach den jeweiligen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeiten berechnet, Basel-Stadt bezahlt zudem einen Standortsvorteil-Zusatz von 10 Prozent. Konkret bezahlt Baselland 670 Millionen, Basel-Stadt rund 685 Millionen Franken. 
  • Eine bedingte Gefängnisstrafe von 20 Monaten. Das Strafgericht Baselland verurteilt die ehemalige Kassiererin der CVP Baselland und der Kirchgemeinde Grellingen. Der Prozess wegen mehrfacher qualifizierter Veruntreuung und Urkundenfälschung ging am Mittwochmorgen vorläufig zu Ende. Gesamthaft hat die Frau über 400'000 Franken veruntreut. Die Hintergründe dazu beim Regionaljournal
     
  • 6,4 Millionen Franken Verlust und zwei Neubauten. Das Kantonsspital Baselland schreibt rote Zahlen: Als Folge der Massnahmen zur Bewältigung der Pandemie sei der Umsatz eingebrochen, gibt das KSBL in einer Mitteilung bekannt. Dennoch sei die finanzielle Lage «solide» und das Spital auf Expansionskurs – auf dem Bruderholz sind zwei neue Bauten in Planung.  
     
  • Ein neues Haus für Dinos und weitere 11 Millionen Tierchen. Im Juni 2021 starten die Bauarbeiten für den gemeinsamen Neubau des Naturhistorischen Museums Basel und des Staatsarchivs Basel-Stadt im St. Johann. Das teilt der Kanton mit einem Communiqué mit. Der Neubau wird voraussichtlich 2026 fertiggestellt sein. Danach ist Züglen angesagt: 11,8 Millionen Objekte und 20 Laufkilometer Akten müssen transportiert und neu einsortiert werden. Die Eröffnung am neuen Standort ist für 2027/2028 geplant. 
     
  • Ein Debakel um die Handelskammer beider Basel. Letzten Freitag präsentierte die HKBB ein Massnahmenpapier mit Sprengkraft: Um die Stromversorgung zu sichern, soll die Verlängerung der Laufzeit von AKW auf 60 Jahre geprüft werden. Das stösst nun auf massive Kritik von rot-grünen Politiker*innen und Umweltverbänden, die die Forderung als «unverantwortlich» bezeichnen. Die Story ist bei Prime News (Abo) erschienen. 
Unterhaltungstipp: ❤️💙💚💛💜
Donnerstag ist Kulturtipp-Tag: Mein Kollege Lory Roebuck aka Bajour-Kulturspürnase stellt die Highlights der kommenden Woche vor und erspart dir die mühsame Suche nach den spannendsten Events. Darunter findet sich das Wildwuchs Festival, das heute in der Kaserne startet und die körperliche Vielfalt feiert, dieses Jahr bereits zum 20. Mal. Während den ersten drei Tagen zeigen 13 Künstler*innen mit oder ohne körperliche Beeinträchtigung Performances, Tanz und Theater, danach geht es an verschiedenen Orten weiter mit der Ode an die Diversität. Das Programm und alle weiteren Infos findest du 👉🏻 hier.

Und wenn du wissen möchtest, wo dieses Wochenende die besten Feten steigen, voilà: Die Bajour-Kulturtipps #6

 


Ich wünsche dir einen schönen Tag,


Romina

 
Das Nützliche zum Schluss: DOK-Film «Hau(p)tsache hell

An dieser Stelle empfehle ich heute eine eindrückliche Reportage der Videojournalistin Sofika Yogarasa. Der DOK-Film mit dem Titel «Hau(p)tsache hell – das Geschäft mit dunkler Haut» zeigt auf, unter welchem Druck junge Frauen of Color stehen, heller zu erscheinen. Im Film erzählen die Protagonistinnen von den Bleichcremen, den ätzenden Seifen und den stark schädlichen Kosmetikprodukten, die sie jahrelang benutzt haben, um den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen aber auch von ihren Mut, sich dieser Form von verinnerlichten Rassismus zu stellen und davon loszukommen. Das berührt auf eine sehr hoffnungsvolle Art und Weise – grossartig. 


Basel Briefing - der tägliche Newsletter mit 🤍 von Bajour.

[anmelden]


Du kannst dieses Briefing inklusive der Tipps für das Unterhaltsame und Nützliche per 👉Whatsapp oder 👉Mail weiterleiten. 


Bajour Clarastrasse 10 4058 Basel Switzerland