18.05.21

Guten Morgen

Den kleinen Regenschirm da oben über dem Bajour-Logo wirst du in den kommenden Tagen noch häufiger sehen. Erst einmal hält sich die Schmuddelwetter-Front. Da hilft nur eine kuschelige Decke, eine Tasse Tee und rauf aufs Sofa. Oder du pfeifst drauf und begegnest dem Regen mit Stil, so wie diese Katze:

Wenn du dein Regencape anhast, können wir ja jetzt mit den News starten. Dort wird es nämlich auch etwas ungemütlich. Oder wie Stephanie Eymann sagt: «Das Pflaster wird härter.»

Die neue Basler Justiz- und Sicherheitsdirektorin hat gestern ihr Schweigen nach 100 Tagen im Amt gebrochen und ihren Vorschlag für ein ausgedehntes Bettelverbot vorgelegt. Organisiertes Betteln etwa oder Betteln in aufdringlicher oder aggressiver Art soll mit einer Busse bestraft werden. Ausserdem gibt es eine Liste mit Orten, an denen nicht mehr gebettelt werden dürfte: 
  • innerhalb von fünf Metern um Ein- und Ausgänge von Bahnhöfen sowie innerhalb von fünf Metern um Haltestellen des öffentlichen Verkehrs und Schiffsanlegestellen;
  • innerhalb von fünf Metern um Geld-, Zahlungs- und Fahrkartenautomaten oder Parkuhren;
  • innerhalb von fünf Metern um Ein- und Ausgänge von Ladengeschäften, Banken, Poststellen, Museen, Theatern, Kinos, Wohn- und Bürogebäuden oder öffentlichen Gebäuden und Einrichtungen;
  • innerhalb von fünf Metern um Ein- und Ausgänge von Hotels, Restaurants sowie innerhalb von fünf Metern um deren Boulevardbereiche;
  • auf Märkten sowie innerhalb von fünf Metern um Verkaufsstände oder Buvetten;
  • in öffentlichen Parks, Gärten, Friedhöfen, Spielplätzen, Schulanlagen, Unterführungen sowie innerhalb von fünf Metern um deren Ein- und Ausgänge.
Du liest richtig. Mit dem neuen Gesetz gäbe es praktisch keinen Ort mehr, an dem Betteln möglich wäre. Ein pauschales Bettelverbot würde gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstossen, ein Quasi-Pauschal-Verbot aber nicht? «Die stundenlange, tagelange Inbeschlagnahme von Örtlichkeiten – das wollen wir nicht mehr», sagt Stephanie Eymann dem SRF-Regionaljournal. Applaus bekommt Eymann für ihren Vorschlag von der SVP und der Mitte. Enttäuscht zeigten sich BastA! und Grüne. Die beiden Parteien werden den Ratschlag im Grossen Rat bekämpfen. Die SP zeigt sich derweil skeptisch, vor allem in Bezug auf die versprochene Nothilfe.
Und was ist mit Demos?
Stephanie Eymann hat gestern nicht nur ein neues Bettelverbot verkündet, sondern auch einen Leitfaden für die «Basler Demo-Praxis». Dieser ist auch dazu da, die gemäss Eymann alarmierende Zunahme an Demonstrationen (2020 waren es 111 bewilligte und 69 unbewilligte Kundgebungen) zu beenden. Die wichtigsten Punkte des Leitfadens findest du im Bajour-Ticker. Interessant finde ich diesen Aspekt: Eine Gruppierung, die in den vergangenen 12 Monaten den öffentlichen Grund übermässig genutzt hat, erhält keine Bewilligung. Heisst: Es soll bitte nicht zu viel zum gleichen Thema demonstriert werden. Was genau Stephanie Eymann mit den neuen Bettel- und Demo-Regeln erreichen will, erläutert sie im Interview mit der BaZ.

Mehr zu Eymann gibt es demnächst auf bajour.ch, wenn Daniel und Adelina die Regierungsrätin interviewt haben.
Anderes Thema: Die Pestizid- und Trinkwasser-Initiative. In weniger als einem Monat stimmt die Schweizer Stimmbevölkerung über die Trinkwasser- und Pestizidinitiative ab. Diese wollen die Landwirtschaft revolutionieren. Doch die Landwirt*innen sind gespalten beim Blick auf die Pläne. Bajour-Reporterin Romina hat sich im Baselbiet auf Spurensuche nach den Gründen dafür begeben. Gefunden hat sie zwei Sichtweisen:
  • Die Pragmatikerin: Laura Grazioli, Vizepräsidentin der Grünen Baselland und Bäuerin in 10. Generation. Sie findet, die Trinkwasserinitiative schiesse über das Ziel hinaus. Man könne schon ja sagen, auch zur Pestizidinitiative, die sie im Grundsatz befürwortet, «aber wir müssen uns den Konsequenzen bewusst sein». Und das seien sich die Menschen nicht. Die Vorstellung, dass man einfach aufhören könnte zu spritzen oder auf Bio-Schutzmittel umsteigen könne, sei falsch. «Für eine konsequente Umstellung auf Bio müssen wir einen Grossteil unserer bisherigen Sorten aufgeben und ersetzen.» Ein solcher Prozess gehe mindestens zehn Jahre, bedeute Investitionen und beeinflusse im Endeffekt, was in unserem Einkaufskorb landet, sagt Grazioli. 
     
  • Die Visionär*innen: Laura Ineichen und Manuel Kaufmann, Jahrgang 1997, die neue Generation auf ihrem Hof in Oberwil. Synthetische Pestizide gibt es dort keine, dafür grosse Banner, die eine klare Message vermitteln: 2x Ja zu den Agrarinitiativen. «Unsere Lebensmittel sind zu billig, wir haben viel zu viel Foodwaste, in der Landwirtschaft gibt es die längsten Arbeitszeiten und die tiefsten Löhne», sagt Manuel Kaufmann. «Die Bio-Produktion ist eine Chance, um das zu ändern.» Die Betriebe umzustellen, sei alles andere als einfach, sagt Laura Ineichen, aber es sei nötig.
Den ganzen Artikel liest du hier. 👈
Bevor ich zu den aktuellen Corona-Zahlen komme, präsentiere ich die für mich beste Nachricht des gestrigen Tages: Basel-Stadt hebt die Impf-Priorisierung nach Alter auf. Alle Basler*innen ab 16 Jahren, die sich frühzeitig registriert haben, könnten bis Ende Mai mit einer Erstimpfung rechnen, heisst es vom Kanton. Ich freue mich besonders und starre nun ununterbrochen auf mein Handy und warte auf die ersehnte SMS mit meinem IMPFTERMIN. Mit der vollständigen Impfung werde ich mich übrigens exakt so fühlen (Neunzigerkind, aufgepasst):
Stress mit Apotheken und Hausärzt*innen
Während es mit dem Impfen in Basel-Stadt nun schneller vorangehen dürfte, regt sich Widerstand bei den Apotheker*innen und Hausärzt*innen. Der Grund: Noch immer werden Corona-Impfungen im Kanton ausschliesslich im Impfzentrum verabreicht. Apotheken und Hausärzt*innenpraxen sollen frühestens nach den Sommerferien, also ab Mitte August, Impfungen anbieten, zitiert die BaZ Lydia Isler-Christ, Präsidentin des Baselstädtischen Apothekerverbands. Die Apothekerin kritisiert das Basler Gesundheitsdepartement, genauso wie der Verband der Hausärzt*innen beider Basel, der sogar mit einem Impfboykott droht.
 
Hier die aktuellen Corona-Zahlen:

Der Kanton Basel-Stadt meldete gestern 6 Neuinfektionen. In Baselland wurden gestern 19 Fälle registriert. Die Inzidenzzahl (14-Tage-Ansteckungswert pro 100'000 Einwohner*innen) zeigt nach unten. Trotzdem bleibt es wichtig: wenige Menschen treffen, Abstand halten, Masken tragen, bei Symptomen sofort testen lassen und die Swisscovid-App nutzen

Die Kurz-News:
  • Rohner Baustelle bleibt vorerst offen: Die für die Arbeitsbedingungen auf der Baustelle Rohner in Pratteln verantwortliche Firma hat zusätzliche Informationen nachgereicht und volle Transparenz zugesichert. Damit ist aus Sicht des dafür zuständigen Kantonale Amt für Industrie, Gewerbe und Arbeit (Kiga) die für eine Baustellenschliessung gesetzlich notwendige Verweigerungshaltung nicht gegeben, wie die Baselbieter Behörden schreiben. Mehr dazu im Ticker.
     
  • Heri verlässt den FC Basel: FCB-CEO Roland Heri gibt sein Amt per sofort ab, nachdem Bernhard Burgener den Club letzte Woche an David Degen verkauft hat. Seine Aufgaben werden gemäss Mitteilung per sofort interimistisch von Mirko Brudermann (Direktor Finanzen, HR & IT) übernommen. 
     
  • «Museumsnacht» für die Industrie: Nach dem Vorbild der traditionsreichen Museumsnacht plant die Handelskammer beider Basel erstmals eine Industrienacht: Im November sollen zahlreiche Unternehmen ihre Tore für ein breites Publikum öffnen. Welche Unternehmen sich an der Industrienacht beteiligen, steht noch nicht fest. Interessierte können sich ab sofort bewerben. Mehr dazu in unserem Ticker.
Unterhaltungstipp: 
Dieses Jahr gibt es ja keine Art Basel in Basel. Aber dafür in Hongkong. Und wenn dich interessiert, was da so vor sich geht, auch hinter den Kulissen, dann empfehle ich dir den Art Basel Daily Broadcast. Jeden Tag gibt es ein Video als Sneak Preview mit Künstler*innen und Kurator*innen, um einen Einblick in die diesjährige Kunstshow zu bekommen. Dafür musst du also nicht um die halbe Welt reisen (geht ja eh nicht so gut gerade), sondern einfach hier klicken.

Ich wünsche dir einen duften Dienstag!

Herzlich
Ina
 
P.S.: Das Nützliche zum Schluss
Wie wahrscheinlich ist es eigentlich gerade, sich mit dem Coronavirus anzustecken? Das habe ich mich vor ein paar Tagen gefragt und natürlich hatte das Internet eine Antwort für mich parat. Der Covid-o-mat sagt dir zum Beispiel, wie wahrscheinlich es in Basel ist, eine ansteckende Person zu treffen, wenn du durchschnittlich mit 5 Menschen Kontakt hast, mit denen du nicht in häuslicher Gemeinschaft lebst oder zu denen du keinen ausreichenden Abstand halten kannst. Antwort: Das Risiko, dass unter diesen fünf Personen jemand infiziert ist, liegt aktuell in Basel-Stadt bei 3,8 Prozent. Wenn du es noch genauer wissen willst, dann schau mal beim Rechner des Max-Planck-Instituts vorbei. Dort kannst du ausrechnen, wie hoch die Ansteckungsgefahr in Innenräumen ist (Parameter wie geöffnete Fenster oder FFP2-Maske können eingestellt werden). Aber bei allem Rumgerechne: Better safe than sorry!
P.P.S.: Baseldytsch mit Ina
«Ach ja, und wir machen nicht dieses komische B» – das war einer der ersten Sätze, die ich nach Jobbeginn von meiner Chefin Andrea gehört habe. Ich musste kurz überlegen, dann wusste ich: sie meint das Eszett oder auch scharfe s. Hier ist dieser ominöse Buchstabe: ß. Ich hatte anfangs gedacht, ich könnte mir das nie abgewöhnen. Dann die Überraschung: Nach etwa einem Monat fing es an, dass ich in den deutschen Medien regelmässig (regelmäßig) über das ß stolperte. Huch! Ich hatte recht schnell beschlossen: Diesen Buchstaben braucht es eigentlich nicht. Weg damit. Ich hätte die Taste auf meinem Laptop ja rausgerissen, aber das Fragezeichen, das unter dem Eszett liegt, brauche ich noch.

Ab und zu kommt es aber dennoch zu Verwirrungen auf meiner Seite. So fragte mich ein Kollege, ob das so stimme – die Masse von dem Foto. Die Masse? MB oder was? Nein, es ging um die Maße (langes a)! Und dann, letztens, sah ich eine Schlagzeile beim SRF: Busse für Catcalling? Was soll denn das, fragte ich mich: Ein ganzer Bus voller Leute, die anderen sexistische Sprüche nachrufen? Natürlich war die Buße (langes u) gemeint. 🤦‍♀️ Hast du vielleicht einen Tipp oder geht es auch Schweizer*innen so wie mir beim Lesen?

P.P.P.S.: Falls du noch nicht hast, aber noch willst, kannst du hier meine drei Gedichte auf Baseldytsch anhören und -schauen: Gedicht 1, Gedicht 2, Gedicht 3 🥁🥁🥁


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