07.06.21

Guten Morgen

Basel stand am Wochenende im Zeichen der Kunst. Die Kunsttage lockten zahlreiche Zuschauer*innen in die 55 Museen und Gallerien und Off-Spaces, die aus der Stadt einen regelrechten Kultur-Parcour machten. ich war selber an zweidrei Orten und glaubte als ~Trendscout, der ich bin, zu erkennen, dass sich vor allem im Bereich der alternativen Ausstellungsräume einiges getan hat in den vergangenen Monaten. Plötzlich ist da Raum für Kunst, der vorher nicht da war, kann das sein? Gut so! 

Achtung News-Wende: Dieses Foto sieht ebenfalls künstlich aus, aber mit den Fine Arts hat das, was wir hier sehen, nichts am Hut.

Die Wirtschaftsminister*innen der wichtigsten Industrienationen der Welt, der G7, haben beschlossen, dass grosse Konzerne mindestens 15 Prozent Steuern bezahlen sollen. Und zwar weltweit, egal wo. Das sei ein «historischer Entscheid», schreibt der Tagesanzeiger und erklärt gleich den Hintergrund: Der Vorteil von Steueroasen soll damit hinfällig werden. Das SRF-Regionaljournal hat die Basler SP-Ständerätin und frühere Basler Finanzdirektorin Eva Herzog gefragt, was das für den Wirtschaftsstandort Basel bedeute, an dem aktuell ein Steuersatz von 13 Prozent für Unternehmen gilt? Herzog sagt, Basel hätte deswegen keine Abgänge von Firmen zu befürchten, da ja anderswo derselbe Steuersatz gelte.

Problematisch aus Sicht der Schweiz und Basel mit seinen global agierenden Pharmakonzernen werde es erst dann, meint Herzog, wenn neue Steuergesetze in Kraft treten, die die OECD zur Zeit diskutiert. Gesetze, die Konzerne dazu zwingen, nicht nur am Ort des Firmensitzes Steuern zu zahlen, sondern auch dort, wo sie ihre Umsätze erwirtschaften. «Da kann man nur hoffen, dass das länger geht oder nicht zustande kommt», sagt Herzog gegenüber SRF.
Das ist Andrin. Für das Foto posiert er auf dem Dach über dem Bajour-Büro und schaut, wie ich finde, angemessen visionär in die Ferne. Der 26-Jährige will sich nämlich ein Samenleiterventil einsetzen lassen, um beim Thema Verhütung mehr Verantwortung zu übernehmen. Männer, findet Andrin, beteiligen sich in dieser Hinsicht einfach viel zu wenig. Warum das so sein könnte, darüber habe ich mit Andrin und anderen Männern geredet.

Das Thema Verhütung ist eine gute Basis, um über die Verteilung von Lust und Verantwortung zwischen den Geschlechtern zu debattieren. Warum sollen Menschen mit Gebärmutter mit den Nebenwirkungen der sogenannten Antibabypille klarkommen, während viele Männer nicht einmal die passende Kondomgrösse für ihren Penis kennen? Der Aufwand in Sachen Verhütung ist schlichtweg ungleich verteilt. Der Geschlechterforscher Fabian Hennig sagte mir während der Recherche am Telefon, Männer erklärten sich theoretisch gerne bereit, mehr zu tun aber wenn es um konkrete Eingriffe ginge, litten viele an akuter «Kastrationsangst».

Mich nimmt Wunder, wie du das siehst: Sollten Männer beim Thema Verhütung mehr Verantwortung übernehmen?
Den Text über Andrin und die Frage, ob ein Kippschalter im Hodensack möglicherweise eine nächste sexuelle Revolution ankündet, liest du hier 👉 «Freiheit, Gleichheit, (Un-)Fruchtbarkeit: Andrin will das Samenleiterventil.»
👀  Kurzer Blick in den Rückspiegel 👀 In den regionalen Medien waren am Wochenende ausführliche Stücke zum Freispruch des Baselbieter Volkswirtschaftsdirektor Thomas Weber (SVP) vom Vorwurf der unsauberen Geschäftsprüfung zu lesen. Grundtenor: Juristisch sei die Angelegenheit vom Tisch, aber politisch verlange die Causa nach einer Aufarbeitung. Der Journalist Matieu Klee sagte im SRF-Regionaljournal, die Einsetzung einer parlamentarischen Untersuchungskommission sei denkbar. Bojan Stula von der bz kommentierte, es sei der grosse Gewinn dieses Verfahrens gewesen, «dass endlich einmal unter Eid in aller Öffentlichkeit Klartext über die Hintergründe des Wirtschaftskammerkonstrukts geredet wurde». BaZ-Journalist Joël Hoffmann schrieb in seinem Kommentar (Abo), Weber spielte aufgrund zahlreicher dokumentierter Begünstigungen an Sozialpartner trotz seines Freispruchs eine «schmutzige Nebenrolle». 
Appendix: Der SRF-Journalist Matieu Klee erinnerte gestern Abend auf Twitter daran, dass die Entlarvung problematischer Verstrickungen im «System BL» nicht zuletzt der Arbeit hartnäckiger Journalist*innen (wie Klee selbst) zu verdanken sei. Durch einen Klick auf den Tweet kannst du die Hintergründe dieser Erinnerung im Branchenmagazin Schweizer Journalist:in nachlesen.
Und damit zu den aktuellen Corona-Zahlen:

In Basel-Stadt wurden am Wochenende insgesamt 22 neue Ansteckungsfälle mit dem Coronavisrus registriert. In Baselland wurden am Samstag und Sonntag 27 neue Ansteckungen gemeldet. Die Grenzwerte von 40 respektive 60 Fällen pro 100'000 Einwohner*innen innert 14 Tagen, ab denen lückenloses Contact-Tracing möglich ist, rücken näher - deshalb lohnt sich weiterhin: Maske tragen, wenige Menschen treffen, Abstand halten, bei Symptomen sofort testen lassen und die Swisscovid-App nutzen

Die Kurz-News aus der Region:
  • 🧑‍⚕ In der Region Basel sind über 7600 Menschen von Long Covid betroffen, schreibt die BaZ (Abo) in einem interessanten Hintergrundbericht. Termine für neu angebotene Sprechstunden an der Klinik für Neurorehabilitation und Paraplegiologie sind begehrt – aber die Wartezeit beträgt mehrere Wochen. Die Rehas seien stark belastet.
     
  • 🔪 Am Wochenende kam es laut der Staatsanwaltschaft BS im Kleinbasel zu drei Gewaltdelikten. Die bz berichtet. Auf der Dreirosenanlage kam es zu zwei Überfällen nach gleichem Muster. Am Samstag kam es in der Webergasse zu einer Attacke auf eine Sexarbeiterin, ihr Handy wurde gestohlen. Die Polizei sucht Zeugen.
     
  • 🌱 Die Kantone der Nordwestschweiz, Basel-Stadt, Baselland, Jura, Solothurn und Aargau, wollen sich mit einer gemeinsamen Klimacharta für mehr politische Zusammenarbeit beim Thema Klimaschutz einsetzen. Das berichtet das SRF-Regionaljournal unter Bezug auf eine Mitteilung der Nordwestschweizer Regierungskonferenz. Die Kantone wollen bis 2050 zu 100 Prozent auf Energie aus erneuerbare Quellen setzen, lautet eines der verbindlichen Ziele.
     
  • 🎾 Roger Federer gibt nach hart umkämpftem vier-Satz-Sieg gegen Dominik Koepfer am Grand Slam-Turnier in Paris Forfait für Runde vier. Er wolle seinen Körper nicht überlasten, sagt der 39-Jährige.
     
  • 🏢 Das Schweizerische Architekturmuseum SAM zeigt zur Zeit eine wirklich sehenswerte Ausstellung über architektonische Visionen für Basel. Gegenspiegel und Inspiration sind mehrere Bauten der brasilianischen Metropole São Paulo, die eine neue Vorstellung von Stadt und öffentlichem Raum anbieten. Unser Kultur-Scout Julius Fintelmann hat die Ausstellung gesehen und berichtet hier: Bajour.ch/Freiraum
🧑🏽‍💻 ERINNERUNG 🧑🏽‍💻: Unsere Ausschreibung für ein Bajour-Praktikum ab dem 1. September 2021 ist immer noch ~ on. Alle Details zu den Rahmenbedingungen liest du hier: Bajour.ch/Praktikum. Wir laden besonders junge Menschen mit Migrationsvordergrund und/ oder Berufslehre ein, sich zu bewerben, deine Unterlagen kannst du bis zum 16. Juni einschicken an sabrina.staeubli@bajour.ch. Wir freuen uns drauf!
Unterhaltungstipp:
Erinnerst du dich an die Aktion #CatcallsofBasel? Eine Netz-Kollektiv sammelte dumme, abwertende, sexualisierende Sprüche, die Passant*innen beim Vorbeigehen zu hören bekamen und zeichneten diese als Mahnmal mit Kreide auf den Boden. Nun macht eine neue Homepage und eine Art Awareness-Stadtspaziergang auf das Unwohlsein von Frauen* in der Nacht aufmerksam. Die Aktion heisst Raum für alle und ist ein Projekt der Multimedia-Studentinnen Annick Senn und Larissa Bucher. Sie haben fünf Frauen* darum gebeten, mit dem Handy in der Hand durch die nächtliche Stadt zu laufen, und ihre Gefühlslage in das Aufnahmegerät zu diktieren. Die Geschichten werden ab Juli entlang der Routen als QR-Codes plakatiert und sollen nachvollziehbar machen, wie ungleich die Wahrnehmung und das Sicherheitsgefühl im öffentlichen Raum ist. 👉 Hier gehts zur Homepage, 👉 hier zum Instagram-Account mit Teasern zu den Hörstücken. Die bz berichtet heute über das Projekt (Abo).
Ich wünsche dir einen guten Start in die Woche,
Daniel Faulhaber



Das Nützliche zum Schluss:
Du hast vielleicht noch nie drüber nachgedacht und irgendwie hat es eh immer geklappt? Expert*innen sagen, es macht Sinn, die passende Kondomgrösse zu kennen. Die Homepage MySize erklärt, wie du die passende Grösse herausfinden kannst und auf was du bei der Wahl des Kondoms ausserdem achten solltest. 


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