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Atelier Tetebrec: Verrückt nach Papier

Es war einmal eine Journalistin, Buchautorin und Übersetzerin, die plötzlich anfing, alte Bücher zu zerschneiden und Zeitungen zu zerreissen. War sie etwa verrückt geworden?

Alles hat sich verändert seit letztem Jahr. Viele Menschen habe ich damit vor den Kopf gestoßen, manche tippten sich wohl hinter meinem Rücken an die Stirn ("in dem Alter!"). Aber zum Glück gab es auch die anderen Mutigen, die mich motivierten, inspirierten oder mir tatkräftig zur Seite standen, damit ich dieses Abenteuer durchstehen konnte.
Ich habe nicht wirklich den Beruf gewechselt. Wer kann das schon: eine Leidenschaft einfach weglegen? Aber ich schreibe im Moment an keinem neuen Buch. Stattdessen drehe ich fleißig Papier auf Stricknadeln, matsche in Leimbrühe herum und knibbele winzige Silberringe mit der Zange zu. Warum und wie und wo - das erzähle ich heute ...
In meinem Blog kann man die Vorgeschichte nachlesen, wie es dazu kam, dass das Atelier Tetebrec jetzt ein Atelier für Erzählkunst, Paper Art & Kommunikation ist. Eine Geschichte über ein traumatisches Erlebnis, wie auch starke Frauen zusammenklappern können ... und wie man wieder die Luft zum Atmen findet. Vielleicht stiftet sie auch andere zum Mut an? Hier klicken zum Lesen: "Altersstarrsinn? Langstrumpf-Gene?"

Aufgefädelte Geschichten - aus dem Atelier Tetebrec


... das ist Künstlerschmuck aus alten Büchern, feinsten Künstlerpapieren oder modernen Hochglanzmagazinen. Und weil das Upcycling von altem Papier in edle Formen nur das Beste verdient hat, schwelge ich obendrein in handbemalten Holzperlen à la russe genauso wie in Glaskunst aus Böhmen, Venedig oder Japan.
Inzwischen habe ich sogar ein Verfahren entwickelt, bestimmte Baumpilze haltbar zu machen, so dass sie hart werden wie weiches Holz, versiegelt gegen Feuchtigkeit. Denn mich fasziniert nicht nur traditionelles Perlenhandwerk - der Naturpark Nordvogesen mit seinen Wäldern und Funden aus der Keltenzeit sind mir stete Inspirationsquelle. Die Pilze spürt mir übrigens mein treuer Assistent auf: Bilbo, eine Beagle-Mischung. Der muss auch mit, wenn ich mal wieder mitten im Bergwald an mythischer Stelle nach Naturocker grabe, den ich zu Pigment zermale.

Das mit dem Kristallglas ist auch so eine komische Sache. Ich bin verrückt danach. Habe mir das irgendwann damit erklärt, dass ich als Kind so von Schloss Favorit bei Rastatt fasziniert war, mit den Sammlungen von böhmischem Kristall. Als ich in meiner neuen Heimat nach Lothringen geriet und die Glastradition dort entdeckte, schwelgte ich wieder in diesem Rubinrot und Ultramarinblau. Glas und Farben machen mich glücklich.

Gestern fiel mir dann diese Geschichte ein, als ich in der Schulzeit zum 100sten Geburtstag meiner Uroma reiste. Die Frau war körperlich erstaunlich fit und schaukelte in der Hängematte. Nur ihre Zeitschaltuhr hatte einen kleinen Sprung. Es sei Kaiserwetter, da würde ganz sicher der Kaiser kommen, dessen war sie sich sicher. Und dann kam nur ich und sie strahlte in glücklicher Wiedersehensfreude und nannte mich Henriette. Es war ihr nicht auszureden und sie war so glücklich. Also blieb ich die Tage über Henriette und war so neugierig auf diese Frau.

Viel später bekam ich ein Foto von einem alten Ölgemälde in die Hand, von einer hübsch und gütig aussehenden Frau mit großen Augen, in der Mode des 19. Jahrhunderts gekleidet. Meine Uroma war, wie damals durch den Kinderreichtum üblich, nicht bei der eigenen Mutter aufgewachsen. Ihre begüterte eigene Großmutter zog sie auf: Henriette.

Henriette ist also meine Urururoma. Alles, was ich von ihr weiß: Sie war Besitzerin einer Glasfabrik in Böhmen. Und irgendwann wanderten sie und ihr Mann nach Ostfrankreich aus und machten dort wohl wieder Glas. Der Nachname ist ein in Elsass und Lothringen weit verbreiteter Name, so dass ich nie ihre Spuren finden konnte. Aber wenn ich jetzt Kristallglasperlen von einem Familienbetrieb irgendwo im tschechischen Wald bestelle, dann muss ich plötzlich an Henriette denken und wie mich meine Uroma mit ihr verwechselt hatte ...

In einer Glasperle kann ich mich verlieren - da stecken so viele Geschichten drin. Darum musste Glas einfach zum Buch, zum Papier ... nicht nur wegen der Haptik!

Die obige Kette ist aus Notenpapier um 1900 und feinem Künstlerpapier gefertigt, dazwischen Hämatitperlen und böhmisches Kristallglas. (Fotos von Martin Goldmann)
Eins meiner Schätzchen: Ein handgefertigte 4,5 cm lange Solitär-Buchperle mit Feinmetallauflage an den Seiten (irgendwann, wenn ich das richtig kann, wird das auch mal 14karätiges Gold werden). Im Hintergrund ein Entwurf des von mir hochgeschätzten Leon Bakst, seines Zeichens Bühnen- und Kostümbildner der Ballets Russes. Denn auch das kann ich jetzt endlich ausleben: mich von den Farben und Designs der Zeit Nijinskys inspirieren lassen, so wild zu wagen wie ein Diaghilew.
Mehr Fotos aus dem Atelier künftig in diesem Blog!

Wieso Schmuck?

Ich habe es in meinem Blogartikel geschrieben: Ich brauchte dringend eine extreme Verlangsamung, um wieder auf die Beine zu kommen, und langweile mich beim Meditieren. Irgendwie erinnerte ich mich an ein Hobby, das ich seit meiner Kindheit habe: Schmuck basteln.

Als ich in der ersten Klasse Keramikperlen für Topfuntersetzer zweckentfremdete und mir eine Kette in Pop-Art-Farben fädelte, waren meine Eltern entsetzt: Ich würde doch hoffentlich nicht auch mal so eine "Gammlerin" werden oder gar Künstlerin! KünstlerInnen in unserer Familie wurden grundsätzlich geächtet, zum schwarzen Schaf erklärt, zum abschreckenden Beispiel aufgeblasen. Wir sollten etwas Ordentliches und Anständiges lernen. Also blieb das Kettenfädeln nur ein braves Hobby, das man Mädchen gern zugestand. Irgendwann leistete ich mir den Luxus, Kurse bei einer Goldschmiedin zu nehmen. Da war ich erwachsen und erwachsene Frauen dürfen Ketten modellieren oder zum Töpfern gehen.

Auf meinem Verlangsamungstrip fühlte es sich wunderbar an, Perlen aus Papier zu wickeln. Wie kam ich eigentlich auf Papier? Jedenfalls ist es schlimmer als Tütenkleben im Gefängnis: es dauert viel länger. Vor allem all die Trockenphasen brauchen ihre Zeit - und wehe, man kürzt ab. Dann schlägt das Ding Blasen.

Ich erinnerte mich an einen seltsamen Traum, den ich immer wieder in stressigen Phasen hatte: Ich muss vor irgendeiner Mafia flüchten und habe nur einen kleinen Koffer. Den fülle ich mit glitzernden, verrückt bunten Schmuckstücken, die gar nicht aussehen wie echter Schmuck, sondern wie aus einem Märchen. Ich packe das alles ein, weil es mir Geschichten erzählt, die ich nicht verlieren möchte. Eines Tages - irgendeine ach so besorgte Mitmenschin meinte mal wieder, ich sei doch verrückt, mit Schmuck Geld verdienen zu wollen - kam ich auf die Idee, so ein Traumstück nachzubilden. Papier ist schließlich geduldig. Ab da war ich süchtig. Seither habe ich den Traum nie wieder geträumt, aber im Kopf kann ich diesen Schatzkoffer öffnen und dann real Stücke entwerfen.

Die größte Veränderung aber war die: Ich hatte an meiner Arbeit einfach nur verdammt viel Spaß. Kein Ärger mehr über den Buchmarkt, über Genreschubladen oder Staub in der Branche. Ich hatte Spaß, es machte mich riesig glücklich, ich schwebte. Mein Tandemwerkeln mit einer anderen Künstlerin weitet mir den Horizont und da ist so viel Schönheit. Ich fühlte: Genau das kommt unserer Welt abhanden, wenn wir nicht aufpassen! Die Schönheit. Nicht nur, sie zu produzieren, sondern auch, sie überhaupt noch zu spüren. In Schönheit schwelgen zu können, ohne dass einem die inneren Zensoren einreden, worüber man sich besser aufregen sollte. Dabei ist selbst diese Arbeit politisch: Upcycling hat viel mit globalen Zusammenhängen, Umweltschutz und neuen Formen des Wirtschaftens zu tun.

So formte sich langsam aus einer Art Eigentherapie oder einem Meditationsersatz eine Geschäftsidee. Ja, ich setze alles auf eine Karte, weil ich daran glaube. Auch das quatscht man mir gerne schlecht, vor allem in Deutschland, wo man so gern alles zerredet, bevor es läuft. Ich weiß selbst aus Erfahrung, dass es ein steiniger harter Weg werden wird, dass mir nichts erspart bleibt. Ich weiß aber in meinem Alter auch, was ich kann und in welche Richtungen ich das derzeit noch ganz am Anfang stehende zarte Pflänzchen entwickeln könnte. Mit einem Unterschied diesmal: Es geschieht in meinem Rhythmus, in meiner Geschwindigkeit. Ich lasse nicht mehr an mir zerren. Ich biege mich nicht mehr nach den Erwartungen von außen. Den Vorteil hat ein gewisses Alter: Man darf auch mal starrsinnig sein.

Ich fange mit einem kleinen Dawanda-Shop an. Ich werde erst mal nicht auf Kunsthandwerkermärkte reisen oder hier und da ausstellen und dann für den Aufwand doch nichts verkaufen. Wer mich erreichen will, erreicht mich dort weltweit. Erst mal Kräfte bündeln, denn ich stehe noch ganz am Anfang. Auch das habe ich lernen müssen: Selbst so ein vorgefertigter Internetshop verlangt mehr Arbeit, als man glaubt. Bis die wichtigsten Texte mehrsprachig vorliegen, bis ein Katalogtext gemacht ist, die Bilder bearbeitet sind. Wenn ich irgendwann für mehr investieren kann als für Perlen, dann muss dringend eine andere Kamera her als mein 40-Euro-Dingens. Aber jetzt sind erst mal die Preziosen dran, die ich zwischen das Papier stecke und denen ich selbst nicht widerstehen kann!

Schreibkrise?

Man kennt diese netten Internet-Tipps nach dem Motto: "Die Schreibblockade in fünf leichten Schritten überwinden" oder "Wie du jeden Tag zigdutzend Seiten schreiben kannst". Betrifft mich nicht. Ich habe nämlich ganz und gar vorsätzlich mit dem Schreiben aufgehört. Wohlgemerkt: mit dem Schreiben von Büchern. Vorsätzlich, aber nur vorläufig. Und ich schreibe journalistisch, nur in einem anderen Medium: meinem Blog.
Warum dieser "spinnerte" Entschluss (Meinung von Kollegen)?

Zuerst einmal kann man handwerklich gemachte Bücher wahrscheinlich in ziemlich vielen Lebenslagen schreiben. Für Kunst aber braucht man die eigenen Innereien. Für ein Buch wie "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" musste ich enorm viel Kraft haben und bereit sein, in Abgründe zu schauen. Das fing bei der Recherche in der heutigen Psychiatrie an und endete nicht bei den wirklich grausamen historischen Unterlagen, die ich meinen LeserInnen erspart habe, selbst aber intensiv lesen musste, um ganz bei meiner Figur zu sein. Um einen zerbrechenden Menschen so intensiv darstellen zu können, muss man in die eigenen Tiefen hinabsteigen, sich den eigenen Ängsten stellen. Jeder ernsthafte Tänzer, jede ernsthafte Schauspielerin kennt das: Dafür müssen KünstlerInnen absolut stabil sein.

Mit dem humorvollen Krimi wollte ich mich eigentlich von einer solchen Tour-de-Force erholen. Aber dann kam mir die Weltlage dazwischen. Dann kam der üble Rutsch nach Rechts allüberall, es blühten der Hass und die Missgunst von MitbürgerInnen, denen man das kaum zugetraut hätte. In meinem Krimi kommt eine recht komische Figur vor: ein braver Bürger vom Dorf, nett und zuvorkommend, aber durch und durch Rassist. Wie im echten Leben. Dem spielen meine Ermittler einen frechen witzigen Streich. Als ich die Szenen schrieb, habe ich selbst lachen müssen, passiert mir selten. Als ich die Szenen gegen Ende des letzten Jahres noch einmal las, blieb mir das Lachen im Halse stecken. Ich kann das nicht mehr lustig finden. Ich glaube, solcher Humor ist nicht mehr angemessen. Ich schaffe es nicht mehr, ein solches Buch in eine solche Welt zu setzen, obwohl ich weiß, dass es so viele Menschen gibt, die gern für ein paar Stunden alles vergessen wollen. Ich kann es nicht. Vielleicht kommt ja mal wieder die Zeit ... Im Moment glaube ich persönlich, müssen Krimis zu Gesellschaftsromanen, zu politischen Romanen werden.

Und dann - gestehe ich offen - ekelt mich etwas anderes zutiefst an, das ernsthaftes Schreiben via E-Book außerhalb von Bestsellerlisten leider zunehmend zum Selbstruinierprogramm macht. Laien wissen davon wenig, in AutorInnenkreisen ist es Gespräch seit langem: Die Struktur von E-Books wird derzeit im ganz großen Stil von PlagiatorInnen, BetrügerInnen und sogenannten Klickfarmen missbraucht (Infos). Dadurch - das spüre ich merklich auf dem Konto - geraten die Bücher der Anständigen in die Unsichtbarkeit. Was unsichtbar ist, wird nicht gekauft. Dazu kam, dass mein "Das Buch der Rose" piratisiert wurde, der Effekt war so schlimm, dass ich kaum noch selbst Exemplare verkaufen konnte, denn Geiz ist geil.

Ich mag nimmer. Jeder Minijob bringt, gemessen am Arbeitsaufwand, anteilsmäßig mehr ein. Ich mag nicht nur blanke Spaghetti essen, damit die Welt ein Buch mehr hat, das sie sowieso nicht braucht. Also habe ich umgestellt: Ich blogge weiterhin mit Leidenschaft - und gebe LeserInnen die Möglichkeit, für diese Arbeit zu spenden - was es Ihnen wert erscheint. Vielleicht kann ich mir ja das Bücherschreiben eines Tages wieder leisten?

 

Tetebrec - was heißt das?


Kennt jemand irische Mythen? Es gibt da einen ellenlangen Sagenzyklus um den ganz großen irischen Helden Cuchulainn, selbst schon eine Art Halbgott. Als Kind habe ich ihm nie verziehen, dass er einen Hund tötete, um zu seinem Namen zu kommen. Damals wusste ich noch nicht, dass das eine Verklausulierung war für die früheren Totems und Stämme - der Hund war ihm nämlich heilig.
Cuchulainn gerät eines Tages auf dem Königssitz Emain Macha, dem heutigen Navan Fort, durch eine Fee in einen magischen Schlaf. Ein Jahr lang liegt er in einem der drei Häuser in jenem zauberhaften Zustand zwischen Realität und Anderswelt. Jenes Haus heißt im Original "Tetebrec", übersetzt so viel wie "funkelnder Schatz".
 

Atelier Tetebrec - Telling Stories in Beads & Strings.

 

Ab dem Wochenende exklusiv im eigenen Dawanda Shop.


Vorbeischauen lohnt sich - denn wer zuerst kommt, mahlt zuerst! Nach und nach werden weitere Stücke dazukommen - also am besten als Lieblingsshop merken!
Copyright © 2016 Tetebrec - Atelier für Paper Art & Erzählkunst, All rights reserved.


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